Univ.-Prof. Dr. med. Anita Rieder
Infolge der demographischen Entwicklung und der innovativen Entwicklungen in der Therapie von Herzpatient(inn)en und der damit verbundenen verbesserten Überlebensraten der Herzpatient(inn)en kommt es zu einer ansteigenden Inzidenz der Herzinsuffizienz (HI). Trotz der Verbesserungen in der Therapie der Herzinsuffizienz ist die Mortalitätsrate immer noch inakzeptabel hoch.
Die epidemiologische Größe der Herzinsuffizienz-Problematik ist schwer abzuschätzen, aufgrund spärlicher bevölkerungsbezogener Daten zu Prävalenz, Inzidenz und Prognose der HI. Ein Teil des Problems erwächst aus methodisch unterschiedlichen Studien und differierenden Definitionen (Wilson P., Vasan R., 2003).
Auch wenn diese methodischen Differenzen bestehen, ist die Prävalenz der HI substanziell und diese Prävalenz nimmt mit dem Alter signifikant zu. Der Prozentsatz jener, die als Erstpräsentation einer kardiovaskulären Erkrankung eine HI präsentieren, nimmt ebenfalls mit dem Alter zu, bei Frauen ist in allen Altersgruppen diese Prävalenz höher als bei Männern.
Daten zur Inzidenz der HI haben die gleichen methodischen Probleme aufzuweisen wie die Daten zur Prävalenz der HI. Die HI-Inzidenz in der Framingham-Study beträgt 2/1.000/Jahr bei den 45–54-jährigen Männern und 1/1.000/Jahr bei Frauen. In der Altersgruppe der 85–94-Jährigen beträgt diese Inzidenz 39/1.000/Jahr bzw. 31/1.000/Jahr (Lloyd-Jones M. et al., 2002)
In Österreich haben wir eine unzureichende epidemiologische Dokumentation der HI, das Ausmaß der Kosten ist unklar, die Entwicklungstendenz quantitativ nicht bekannt und die systematische Erfassung der extramuralen Betreuung fehlt. Die demographische Entwicklung und der heutige Anteil der höheren Altersgruppen an der Wiener Bevölkerung lassen HI als enorme Herausforderung für Prävention, Früherkennung und Therapie mit dem Ziel der Senkung der HI-Mortalität und Verbesserung der Lebensqualität der betroffenen Menschen zur Herausforderung werden.
In Wien betrug 1995/96 der Anteil der HI (ICD-9 428) an allen Spitalsaufnahmen 16,7%, zuzüglich 3,9% CMP (ICD-9 425), insgesamt 20,8%. Die ischämischen Herzerkrankungen hatten einen Anteil von 25,6% (Vutuc, Haidinger, 2000).
In den 70er Jahren waren noch Hypertonie und die KHK, vor allem der Myokardinfarkt, die vorrangigen Ursachen für die HI. Heute rücken als Ursachen KHK und Diabetes mellitus stärker in den Vordergrund. In 4 Jahrzehnten (in der Framingham-Studie) stieg die KHK als Ursache um 41% pro Dekade bei Männern an und 25% bei Frauen. Die Prävalenz des Diabetes mellitus als "contributing cause" stieg um 20% pro Dekade (Kannel W. B. et al., 1994).
Die prädisponierenden Faktoren und Risikofaktoren für eine HI sind bekannt und gehören zu den häufigsten Risikofaktoren in der Bevölkerung. Besonders in Wien ist der Gesundheitszustand der Bevölkerung durch eine Übersterblichkeit im Herz-Kreislauf-Bereich gekennzeichnet und Risikofaktoren treten in der Wiener Bevölkerung häufiger auf (Rieder A., 2001). Eine aktuelle Studie basierend auf einer Sonderauswertung des Mikrozensus 1999** vergleicht Wien u. a. in Bezug auf selbstberichtete Krankheiten, Beschwerden, Medikamenteneinnahme, Arztbesuche, Gesundheitsverhalten mit ländlichen Regionen und anderen Städten innerhalb Österreichs.
In Wien rauchen 35% der männlichen Bevölkerung und 29% der weiblichen Bevölkerung täglich, der höchste Prozentsatz in Österreich. Bluthochdruck und chronischer Hochdruck werden von Wiener Männern am häufigsten angegeben, besonders die Altersgruppe 60–74 Jahre (20 % chronischer Hochdruck). Dabei dominieren die Wiener Männer in beinahe allen Bildungsgruppen. 2,2% der über 50-jährigen Wiener Männer mit Pflichtschulabschluss berichten, dass sie innerhalb einen Jahres vor der Befragung einen Herzinfarkt hatten, damit ist dies der höchste Prozentsatz in Österreich. Bei den Frauen liegt der Altersgipfel jedoch bei den 49–59-Jährigen. 0,5% der Wienerinnen dieser Altersgruppe hatten innerhalb der 12 Monate vor der Befragung einen Herzinfarkt – im Vergleich zu 0,1 und 0,2% am Land und in anderen Städten. Diabetes mellitus betrifft die Wiener Männer mit Pflichtschulabschluss in Österreich am häufigsten (3,4% bei den 30–49-Jährigen und 6% bei den über 50-Jährigen).
In Bezug auf die HI zielen die Strategien des Herz-Kreislauf-Präventionsprogramms der Stadt Wien "Ein Herz für Wien" auf die Kontrolle dieser Risikofaktoren ab. So kann zum Beispiel die Hypertoniekontrolle in der älteren Bevölkerung die HI-Inzidenz um 39% senken (Gueyffier F. et al., 1999).
Gueyffier F, Antihypertensive drugs in very old people: A subgroup meta-analysis of randomised controlled trials. Lancet 1999; 353:793.
Kannel WB, Ho K, Thom T. Changing epidemiological features of cardiac failure. Br Heart J 1994; 72:S3.
Lloyd-Jones DM, Larson MG, Leip EP, Beiser A, D'Agostino RB, Kannel WB, Murabito JM, Vasan RS, Benjamin EJ, Levy D. Lifetime risk for developing congestive heart failure: the Framingham Heart Study. Circulation 2002 Dec 10; 106(24):3068-72.
Rieder A, MA L, Dezernat II Gesundheitsplanung (Hrsg.): Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Wien, Statistische Mitteilungen zur Gesundheit in der Stadt Wien 2000/2, Wien 2001.
Rieder A (Projektleitung; Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien), Mag. Neuwirth, Mag. Schwarz, Dipl.-Vw. Gude, Mag. Geserick (Österreichisches Institut für Familienforschung). Demographische, soziale Ungleichheiten bei selbstberichtetem Gesundheitsverhalten, Gesundheitsstatus, Konsum medizinischer Leistungen, Wien 2003.
Vutuc C, Haidinger G. Abteilung für Epidemiologie, Medizinische Universität Wien, Krebsforschungsinstitut, 2000.
Wilson P, Vasan R. Epidemiology and causes of heart failure. Uptodate 2004.