Univ.-Prof. Dr. med. Anita Rieder, Mag. rer. nat. Theres Rathmanner, Dr. med. Thomas Dorner
In der wissenschaftlichen Literatur und in Dokumenten der WHO (WHO, 2003) ist von einer weltweiten Diabetes-Epidemie die Rede.
Schätzungen der WHO zufolge gab es im Jahr 2000 154 Millionen erwachsene Diabetiker (>= 20 Jahre) weltweit, bis zum Jahr 2025 rechnet die WHO mit einem Anstieg auf 300 Millionen. Die Prävalenz von Diabetes mellitus betrug damit im Jahr 2000 schätzungsweise 4,2% und wird auf 5,4% im Jahr 2025 ansteigen (King et al., 1998).
Auch in den europäischen Ländern sind deutliche Anstiege der Inzidenz und Prävalenz von Typ-1- und Typ-2-Diabetes zu beobachten. Das epidemische Ausmaß wird durch den Typ-2-Diabetes verursacht, wobei das wahre Ausmaß der Problematik nicht erfasst und die Dunkelziffer der nicht-diagnostizierten Diabetiker hoch ist (Passa, 2002). Bis zu 50% aller Diabetiker sind nicht diagnostiziert (Dunstan et al., 2002).
Von 1989 bis 1999 erkrankten in Österreich 1.449 Kinder und Jugendliche (667 Mädchen und 782 Buben) unter 14 Jahren an Diabetes mellitus Typ 1. Die Neuerkrankungsrate betrug in diesem Zeitraum 10,2 Fälle pro 100.000 Personenjahre bei den Burschen und 9,2 Fälle pro 100.000 Personenjahre bei den Mädchen, wobei ein starkes Ost-West-Gefälle mit höherer Inzidenz in ostösterreichischen Bezirken verzeichnet wurde (Schober et al., 2003).
Die epidemiologische Datenlage zum Diabetes mellitus Typ 2 ist – insbesondere in Österreich – mangelhaft. Im Mikrozensus Gesundheit 1999 wurde eine selbstberichtete Prävalenz von Diabetes mellitus von 2,1% (2,0% bei den Männern und 2,3% bei den Frauen) österreichweit ermittelt, wobei auch hier ein starkes Ost-West-Gefälle zu beobachten war: Die Prävalenz betrug 3,0% im Burgenland, 2,8% in Wien, 2,4% in Niederösterreich und 1,4% in Kärnten und Tirol und 1,1% in Vorarlberg (Statistik Austria, 2002). Eine Sonderauswertung der Mikrozensus-Daten im Rahmen der Großstadtfaktor-Studie zeigte den Einfluss von sozioökonomischen Faktoren auf die Diabetesprävalenz: In Wien weisen Männer der Altersgruppen 25–49 Jahre und >= 50 Jahre mit Pflichtschulabschluss mit 3,4% und 6,0% eine besonders hohe Prävalenz im Vergleich zu ländlichen Regionen und anderen Städten auf. Wiener Männer der Altersgruppe 25–49 Jahre mit Pflichtschulabschluss nehmen auch 3-mal häufiger Medikamente wegen Zuckerkrankheit ein als Frauen gleichen Alters und Bildungsstatus (7,8% im Vergleich zu 2,9%) (Rieder et al., 2003).
Im Jahr 2001 wurden in Österreich 1.460 Gestorbene (565 Männer, 895 Frauen) mit der Todesursache Diabetes mellitus in der Todesursachenstatistik registriert. Das entspricht 2,0% der Gesamttodesfälle, 1,6% der männlichen und 2,2% der weiblichen Todesfälle. Auf 100.000 Lebende desselben Geschlechtes bezogen starben 14,3 Männer und 21,4 Frauen an Diabetes mellitus (Statistik Austria, 2003). Die altersstandardisierten Sterberaten aus dem Jahr 2002 sind ab einem Alter von 50 Jahren unter den Männern deutlich höher als unter den Frauen. Der Höchstwert von 2,5 Todesfällen pro 100.000 Lebende desselben Geschlechts wurde bei 70–75-jährigen Männern beobachtet. Im hohen Alter (85 Jahre und älter) bestehen nur geringfügige Unterschiede bei den Sterberaten zwischen den Geschlechtern. Österreichweit betrug die altersstandardisierte Sterberate 2002 12,4 pro 100.000 Lebende mit einem deutlichen Ost-West-Gefälle(eigene Berechnungen nach Statistik Austria).
Sowohl die Prävalenz als auch die Mortalität spiegeln die Verteilung der Risikofaktoren Adipositas und Bewegungsmangel in der österreichischen Bevölkerung wider. So sind beispielsweise im Burgenland, dem Bundesland mit der höchsten selbstberichteten Diabetesprävalenz, die Prävalenz der Adipositas mit 13,1% (Österreich-Durchschnitt: 9,1%) und der Prozentsatz jener, die keine körperlichen Aktivitäten betreiben, mit 69,5% (Österreich-Durchschnitt: 59,9%) am höchsten (Statistik Austria, 2002).
Derzeit wird an der Erstellung des Diabetesberichtes für eine bessere epidemiologische Skizzierung der Diabeteslandschaft in Österreich gearbeitet und es werden auch entsprechende Präventionsstrategien formuliert (Rieder et al., Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, 2004).
Dunstan D, Zimmet P et al. The rising prevalence of diabetes and impaired glucose tolerance: The Australian Diabetes, Obesity and Lifestyle Study. Diabetes Care 2002; 25: 829-834.
King H, Aubert RE, Herman WH. Global burden of diabetes, 1995-2025: prevalence, numerical estimates, and projections. Diabetes Care 1998; 21: 1414-1431.
Passa P. Diabetes trends in Europe. Diab Metab Res 2002; 18: S3-S8.
Rieder A (Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien), Neuwirth, Schwarz, Gude, Geserick (Österreichisches Institut für Familienforschung). Großstadtfaktor Wien. Demographische, soziale Ungleichheiten bei selbstberichtetem Gesundheitsverhalten, Gesundheitsstatus, Konsum medizinischer Leistungen. Wien, 2003.
Schober E, Rami B, Waldhör T. Small area variation in childhood diabetes mellitus in Austria: links to population density, 1989 to 1999. J Clin Epidemiol 2003; 56: 269-273.
Statistik Austria. Gesundheit & Konsum medizinischer Leistungen. Ergebnisse des Mikrozensus September 1999. Wien, 2002.
Statistik Austria. Statistisches Jahrbuch Österreichs. Wien, 2003.
WHO. Diet, nutrition, and the prevention of chronic diseases. WHO Technical Report Series 916. Geneva, 2003.