Univ.-Prof. Dr. med. Anita Rieder
Die Hypertonie zählt weltweit zu den häufigsten Risikofaktoren für erhöhte Mortalität und Behinderung. 5,8 % aller Todesfälle sind direkt auf die Hypertonie zurückzuführen (1). Die Hypertonie stellt ein enormes Public-Health-Problem dar und 9 von 10 Personen mittleren Alters entwickeln im Laufe ihres weiteren Lebens eine Hypertonie (2). Antihypertensiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Die Hypertonie ist nicht nur ein wesentliches Gesundheitsproblem der westlichen Welt mit einer Prävalenz von etwa 20 % der erwachsenen Bevölkerung, sondern stellt auch ein Gesundheitsproblem in den Entwicklungsländern dar, mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 10 % (3). Die internationalen Vergleiche der Prävalenz der Hypertonie spiegeln die soziokulturellen, ökonomischen, demographischen und genetischen Einflüsse auf das Erkrankungsrisiko wider, abgesehen von den Einschränkungen, mit denen solche Vergleiche durch methodische Unterschiede behaftet sind. In den letzten Jahrzehnten kam es zwar zu einem Rückgang der Prävalenz vor allem der schweren Hypertonie und zu einem deutlichen Anstieg der medikamentösen Therapie. Die Prävalenz der Hypertonie ist jedoch nach wie vor hoch und steigt möglicherweise auch wieder an, wenn die massiven Trends der weltweit steigenden Prävalenz der Adipositas weiter anhalten beziehungsweise ihre Auswirkungen zeigen. Weiters lassen die demographischen Trends und die höhere Prävalenz der Hypertonie bei älteren Menschen eine deutlich höhere absolute Anzahl an älteren Personen mit einer Hypertonie erwarten.
In den USA geben die drei "National Health and Nutrition Examination Surveys" (NHANES) Auskunft über die Trends der Hypertonieprävalenz über einen Zeitraum von 30 Jahren (1960–1991).
NHANES III (National Health and Nutrition Examination Survey, 1988–1991) ergab eine Prävalenz der Hypertonie, repräsentativ für die US-Bevölkerung von 20,4 % (>= 140/90 mmHg). In NHANES I (1960–1962) lag dieser Prozentsatz bei 36,3 %. Die Prävalenz für Blutdruckwerte >= 160/95 mmHg zeigte zwischen NHANES I und NHANES III einen Rückgang von 20 % auf 14,2 %. Es wurden zwar im untersuchten Zeitraum Erfolge in der Kontrolle der Hypertonie in den USA verbucht, vor allem durch den Rückgang der Hypertonieprävalenz und den höheren Anteil von kontrollierten Hypertonikern mit Blutdruckwert von unter 160/95. Jedoch liegt der Anteil jener Hypertoniker, die Blutdruckwerte unter 140/90 aufweisen, nur bei 29 % aller Hypertoniker. Bei den therapierten Hypertonikern ist nur die Hälfte der Betroffenen im normotensiven Bereich. Insgesamt ist der Prozentsatz der Hypertoniker nach wie vor in den USA sehr hoch, mit enormen Unterschieden zwischen den Bevölkerungsgruppen. In der Altersgruppe der 60–74-Jährigen sind drei Viertel der schwarzen Bevölkerung betroffen und ein Viertel der weißen Bevölkerung (Burt, 1995). Weiters wird angenommen, dass in NHANES III ein Teil der Hypertoniker in den Prävalenzraten nicht aufscheinen. Diese Personen waren normotensiv (7 % der Stichprobe), haben jedoch angegeben, bei zwei oder mehr Arztbesuchen in der Vergangenheit als hypertensiv eingestuft worden zu sein. Die Hälfte dieser Fälle versucht mit Lebensstilmaßnahmen ihren Blutdruck im Normbereich zu halten (4).
Vergleichbar mit NHANES III ist CHHS (Canadian Heart Health Survey, 18–74-Jährige, 1986–l992), wobei eine Prävalenz der Hypertonie von 20,1 % berichtet wird, die Prävalenz der isolierten systolischen Hypertonie betrug 8 %. Im CHHS war der Anteil der Hypertoniker mit gut eingestellter Hypertonie nur bei 13 % (5).
In der Framingham Heart Study ergab sich zwischen 1950 und 1989 ein Rückgang in der Hypertonieprävalenz (systolisch mindestens 160 mmHg, diastolisch mindestens 100 mmHg) von 18,5 % auf 9,2 % bei den Männern und von 28,0 % auf 7,7 % bei den Frauen. Es kam zu einem Anstieg der Rate der medikamentösen Therapie der Hypertonie von 2,3 % auf 24,6 % bei den Männern und von 5,7 % auf 27,7 % bei den Frauen. Ebenfalls im gleichen Zeitraum zeichnete sich ein Rückgang in der Prävalenz der Linksherzhypertrophie ab (elektrokardiographisch bestätigt), nämlich von 4,5 % auf 2,5 % bei Männern und von 3,6 % auf 1,1 % bei den Frauen (6) .
Fuentes et al. publizierten einen internationalen Vergleich der Hypertonie-Prävalenz in Entwicklungsländern und ausgewählten westlichen Ländern (England, Finnland, USA, Japan). 70 % der Entwicklungsländer wiesen niedrigere Prävalenzraten auf als die westlichen Länder. Es fanden sich jedoch bei 60–80 % der Populationen in Entwicklungsländern geringere Anteile von therapierten Hypertonikern, wesentlich weniger kontrollierte Hypertoniker wie auch ein deutlich geringer ausgeprägtes Blutdruckbewusstsein (wenn die WHO-Kriterien von 1978 angewandt werden, >= 160/>= 95 mmHg). Bei 80 % der Länder ist im ländlichen Raum die Bluthochdruckprävalenz geringer als im städtischen Raum. Innerhalb der Entwicklungsländer ist Bluthochdruck häufiger in den europäischen Regionen (zum Beispiel in Ländern Osteuropas) und in den amerikanischen Regionen anzutreffen als in Ländern Afrikas und Asiens (2).
Einen internationalen Überblick zur Häufigkeit von kardiovaskulären Risikofaktoren und vor allem deren Trends und Auswirkungen auf die Morbidität und Mortalität der koronaren Herzkrankheit (KHK) geben die Ergebnisse des WHO-MONICA-Projektes, welches in 21 Ländern mit insgesamt 38 Populationen (35–64-Jährige) in drei Durchgängen (1984/85, 1988/1989 und 1992/1993) durchgeführt wurde.
Die Prävalenz der Hypertonie, wie auch der Hypercholesterinämie ist insgesamt zurückgegangen, ein Teil des Rückganges der KHK wird auf diese Veränderung in den Risikofaktoren zurückgeführt (7), auch wenn wesentliche Risikofaktoren wie HDL-Cholesterin und Glukoseintoleranz nicht erhoben wurden.
In Ost-Deutschland war die Hypertonie-Prävalenz höher als in West-Deutschland. Insgesamt war auch die kardiovaskuläre Mortalität höher (8). In Ost-Deutschland betrug die Prävalenz der Hypertonie 30 %, auf Basis von Daten des MONICA-Projektes (1982–1994; 20–64-Jährige). Bei den Frauen wurde ein Rückgang der Prävalenz im Untersuchungszeitraum festgestellt (von 29 % auf 25 %). Der Anteil der effektiv behandelten Hypertoniker betrug 12–14 % bei den Männern und 20–25 % bei den Frauen (9). Im Rahmen des MONICA-Augsburg-Projektes blieb im Untersuchungszeitraum 1984–1992 die Prävalenz der Hypertonie konstant. In West-Deutschland betrug die Prävalenz etwa immer 20–% (30–69-Jährige) (10). Es stieg jedoch der Prozentsatz der Hypertoniker, die medikamentös therapiert wurden. Dieser Anstieg war vor allem in der Verwendung der anithypertensiven Monotherapie zu finden und man nimmt an, dass auch vermehrt "Borderline"-Hypertoniker therapiert werden (11).
Das WHO-MONICA-Projekt wurde auch in drei Kantonen in der Schweiz durchgeführt. Die Prävalenz der Hypertonie (>= 140/90) liegt bei den Männern zwischen 15,3 % (Kanton Tessin) und 13,7 % (Kantone Waadt und Freiburg) bzw. bei den Frauen zwischen 11,6 % und 9,2 % (12). Die besonderen Trends in Bezug auf die Hypertonie waren ein Anstieg der nichtbehandelten männlichen Hypertoniker, ein Rückgang der mittleren Blutdruckwerte bei beiden Geschlechtern im Tessin und ein Rückgang des mittleren systolischen Blutdrucks bei den Frauen in den beiden anderen Kantonen (13, 14).
Die CINDI-Studie der WHO, die in Österreich im Bundesland Vorarlberg durchgeführt wurde, zeigte zwischen den Erhebungen 1991 und 1999 einen positiven Trend in Bezug auf die Hypertonieprävalenz, da es zu einem Rückgang der Prävalenz der Hypertonie von 20,9 % auf 16,6 % bei den Frauen und von 24,7 % auf 21,8 % bei den Männern kam. Signifikant war dieser Trend aber nur bei den 55–64-jährigen Männern, dabei auch bei der schweren Hypertonie (15). Insgesamt wurde dieser Rückgang, der auch beim Risikofaktor Hypercholesterinämie vorherrschte, als Effekt der durchgeführten Präventionsmaßnahmen gesehen.
Die Prävalenz der Hypertonie bei Gesundenuntersuchungen in Wien zeigt einen konstanten Prozentsatz der Hypertonie bei den untersuchten Personen von 12 % (12,3 %), 15,7 % bei den Männern und 8,8% bei den Frauen (16).
Die Daten des Mikrozensus Gesundheit weisen, repräsentativ für die Wiener Bevölkerung, die Hypertonie als chronische Krankheit bei 5,0 % der Männer und 6,0 % der Frauen aus (17). In einem Zeitraum von 20 Jahren (1978–1998) wurde aus repräsentativen Bevölkerungsbefragungen eine Bluthochdruckprävalenz von 14 % (1978–1993) und 12 % im Jahr 1998 für die österreichische Bevölkerung erhoben (self-reported). Etwa 25 % der über 50-Jährigen bezeichneten sich selbst als Hypertoniker (18).
In der westlichen Bevölkerung steigen mittlerer systolischer und diastolischer Blutdruck bis zum 60. Lebensjahr an. Es steigt aber nicht nur die Häufigkeit der Hypertonie, sondern auch der Schweregrad der Hypertonie (4). Etwa ab dem 60. Lebensjahr steigt der mittlere systolische Blutdruck weiter an, der diastolische Blutdruck beginnt abzusinken. 60–70 % der über 60j-ährigen Bevölkerung leiden an einer Hypertonie (>= 140/90 mmHg). Nach den Ergebnissen von NHANES III waren 65 % der Hypertoniker von einer isolierten systolischen Hypertonie betroffen (4).
Isolierter systolischer Hochdruck kommt in der unter 50-jährigen Bevölkerung nicht sehr häufig vor. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Anteil an isoliertem systolischen Hochdruck. Die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung wird mit 5 %, 15 % und 25 % bei 60-Jährigen, 70-Jährigen und 80-Jährigen beziffert (19)
Ein Bevölkerungs-Survey in Belgien ergab (die Hypertonie wurde definiert als >= 160/95 mmHg) eine Prävalenz in der männlichen Bevölkerung von 21 %, 22 % und 24 % bei 60–69-Jährigen, 70–79-Jährigen und über 80-Jährigen, in der weiblichen Bevölkerung 31 %, 38 % und 40 % in den genannten Altersgruppen (19).
In der Framingham Heart Study war isolierte systolische Hypertonie in der über 65-jährigen Bevölkerung mit einer höheren Inzidenz für KHK verbunden, diastolischer Hochdruck korrelierte nur bei Männern mit einer höheren KHK-Inzidenz, aber nicht bei Frauen (20). Zusätzlich hat sich erhöhter Pulsdruck als wesentliche Risikokomponente bei älteren Personen herausgestellt (21).
Das White-Coat-Phänomen ist vermutlich bei älteren Personen im Vergleich zur jüngeren Bevölkerung ebenfalls häufiger zu finden (22).
Das Lebenszeit-Risiko, eine Hypertonie zu entwickeln, liegt bei über 55-Jährigen bei 90 %. Eine Studienpopulation aus der Framingham Heart Study zeigte, dass diese Risiken für Männer und Frauen ähnlich waren für 55- und 65-Jährige. Die Entwicklung des Lebenszeitrisikos über zwei Studienperioden (1976–1998 im Vergleich zu 1952–1975) zeigte keine signifikanten Veränderungen für Frauen, jedoch einen signifikanten Anstieg für Männer. Dieser Anstieg wird mit einem Anstieg im mittleren Body-Mass-Index in Verbindung gebracht, welcher bei Frauen nicht beobachtet werden konnte.
Positiv beobachtet wurde, dass das Lebenszeitrisiko für eine Hypertonie Grad II im Zeitraum 1976–1998 geringer war als im Zeitraum 1952–1975. Dies wird mit einem Anstieg der medikamentösen Hypertonietherapie gesehen, die im Vergleichszeitraum auf das 2–3fache gestiegen ist. Trotz allem ist die Lebenszeitwahrscheinlichkeit für eine Hypertonie Grad I nach wie vor sehr groß, diese beträgt 85 % (1976–1998). Das Lebenszeitrisiko von jüngeren Personen wurde nicht kalkuliert und verhält sich möglicherweise anders.
Das Kurzzeitrisiko ist enorm, da mehr als die Hälfte der 55- bis 65-Jährigen ihre Hypertonie innerhalb der nächsten 10 Jahre entwickeln.
Wesentlich ist daher auch der Hinweis auf präventive Maßnahmen für Normotoniker mittleren Alters, welche besonders auf ihre Lebensstilfaktoren (wie z. B. Übergewicht, salzreiche Ernährung) achten, die großen Einfluss auf die Entwicklung einer Hypertonie haben sollen (2).
Die "Starnberg Study on Epidemiology of Parkinsonism and Hypertension in the Elderly" (STEPHY) untersuchte Prävalenz, Bewusstsein, Therapie und Kontrolle der Hypertonie bei einer über 65-jährigen Bevölkerung in Bayern. Hier konnte ebenfalls der Anstieg des mittleren systolischen Blutdrucks und der Abfall des diastolischen Blutdrucks mit zunehmendem Alter beobachtet werden. Auch hier waren Frauen von der Hypertonie häufiger betroffen als Männer. Die Prävalenz der Hypertonie betrug 53 %, der Anstieg der Prävalenz setzte sich bei den Männern bis in die Altersgruppe der 75–79-Jährigen fort, bei den Frauen bis in die Altersgruppe der 80–84-Jährigen. Die Prävalenz der isolierten systolischen Hypertonie betrug 17 % (exkludiert waren dabei jene mit antihypertensiver Medikation). Ein Drittel der in der Studie als hyperton diagnostizierten Teilnehmer waren sich ihrer Hypertonie nicht bewusst, 12 % wussten von ihrer Hypertonie, 32 % waren behandelt und 22 % hatten eine kontrollierte Hypertonie. Dieser hohe Anteil an älteren Personen, die nicht über ihre Hypertonie Bescheid wissen, sollte für Strategien zur Bluthochdruckkontrolle bei der älteren Bevölkerung besonders motivieren (23).
Die "Austrian Stroke Prevention Study" ergab eine Hypertonieprävalenz bei 50–70-Jährigen von 40,6 %. Auch andere zerebrovaskuläre Risikofaktoren wurden gehäuft in dieser Altersgruppe diagnostiziert, wobei die Studienteilnehmer ohne klinische Anzeichen oder Symptome einer zerebrovaskulären Erkrankung waren (24). In dieser Studie waren 60,3 % der Hypertoniker bei Studienbeginn therapiert, soweit die Studienteilnehmer dazu Auskunft geben konnten, bei Diabetes mellitus waren es 70 %, wobei Ernährungstherapie vor allem bei den Diabetikern vorzufinden war, aber wesentlich seltener bei anderen Risikofaktoren, wie unter anderem der Hypertonie (25).
Bis zum 50.–60. Lebensjahr sind Männer von höheren Blutdruckwerten häufiger betroffen als Frauen, dann kommt es zu einem Anstieg der Blutdruckwerte bei den Frauen und das resultiert letztendlich in höheren Blutdruckwerten als bei den Männern. Dieses Phänomen hat man der Menopause zugeschrieben, welche wahrscheinlich diesen Blutdruckanstieg verstärkt (26). In NHANES III war die Prävalenz für isolierte systolische Hypertonie und für höheren Pulsdruck ab dem 45. Lebensjahr bei Frauen höher, vor dem 45. Lebensjahr bei Männern. Die Prävalenz des isolierten systolischen Hochdrucks ist bei Frauen 40 % höher als bei Männern. Dieser altersassoziierte Anstieg des systolischen Blutdrucks bei den älteren Frauen wird zum Teil auch für die höhere kardiovaskuläre Mortalität bei älteren Frauen, verglichen mit jener älterer Männer, verantwortlich gemacht und sollte daher ein besonderes Ziel von Präventionsprogrammen sein (27).
Ein White-Coat-Phänomen ist bei Frauen vermutlich auch häufiger zu finden als bei Männern (22).
Insgesamt ist das Blutdruckbewusstsein der Frauen stärker ausgeprägt als jenes der Männer und sie weisen eine höhere Frequenz bei der Blutdruckmessung auf. Hypertonikerinnen erhalten häufiger eine medikamentöse Therapie als Männer, und auf Frauen entfallen auch die höheren direkten Hypertonie-assoziierten Kosten. Männer weisen höhere indirekte Hypertoniekosten im Bereich der Behandlung von Komplikationen im kardiovaskulären Bereich auf. Männer sind zu einem größeren Anteil als Frauen in der Gruppe der Hypertoniker vertreten, die keine Hypertonietherapie hat. Soziale Faktoren haben bei beiden Geschlechtern Einfluss auf die Prävalenz der Hypertonie, geringere Bildung und niedrigeres Einkommen sind meistens mit einer höheren Prävalenz verbunden.
Heinemann et al. (28) untersuchten die sozialen Einflüsse auf die Prävalenz von Risikofaktoren in Deutschland anhand von drei repräsentativen Bevölkerungssurveys (1984–1992). Die Gesamtjahre an Bildung/Ausbildung als Sozialindikator zeigten eindeutige Zusammenhänge mit systolischem und diastolischem Blutdruck sowie der Prävalenz der Hypertonie, wobei Personen mit höherer Ausbildung günstigere Blutdruckwerte und eine niedrigere Bluthochdruckprävalenz aufwiesen. Bei BMI, Adipositas und Zigarettenkonsum war dies ebenfalls der Fall (28). Der "German National Health Interview and Examination Survey 1998" ergab, dass Hypertonie häufiger bei Männern der höheren sozialen Schichten anzutreffen ist, bei den Frauen findet man Bluthochdruck hingegen eher bei den unteren sozialen Schichten (29).
Die IHPAF Study (Inequalities in Hypertension Prevalence and Care Study) untersuchte den Zusammenhang der Blutdruckprävalenz mit beruflichem Status und Bildung und zeigte die höchste Prävalenz der Hypertonie bei Arbeitern und die niedrigste Prävalenz bei Berufen im oberen Management, bei beiden Geschlechtern. Wenn nur die Bildung herangezogen wurde, zeigte sich eine signifikant höhere Prävalenz nur bei Frauen. Insgesamt waren 16,1 % der Männer und 9,4 % der Frauen Hypertoniker. Eine unkontrollierte Hypertonie trotz Therapie war signifikant verbunden mit hohem Alkoholkonsum und geringer beruflicher Qualifikation bei Männern. Soziale Unterschiede bei Hypertonikern in Bezug auf das Wissen um ihren Bluthochdruck, auch ob sie therapiert werden oder nicht, konnten nicht gefunden werden (30).
Im Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey wurde für Männer ab 45 Jahren ein Prozentsatz der Hypertonie von 22,2 % erhoben, für Frauen von 8,3 %. Mit zunehmendem Einkommen nahm die Prävalenz der Hypertonie ab, bei den Frauen sogar auf ein Fünftel (31). Ein Zwischenergebnis einer laufenden Bluthochdruckstudie bei Arbeiter(inne)n im Wiener Raum, als Teil einer internationalen Studie (Durchschnittsalter 39,4 Jahre [19–64 Jahre]), zeigte eine Hypertonieprävalenz (>= 140/90) von 24,5 %. Eine Grad-I-Hypertonie (140–159/90–99 mmHg) betraf 17,9 % der Arbeiter und 11,5 % der Arbeiterinnen. Eine Grad-II-Hypertonie (160–179/100–109 mmHg) zeigte sich bei 5,8 % der männlichen Probanden und bei 7,7 % der weiblichen Probanden, eine Grad III Hypertonie war insgesamt bei 1 % der Arbeiter, niemand bei den Arbeiterinnen. Bei etwa einem Fünftel der untersuchten Arbeiter(innen) fand sich ein hoch-normaler Blutdruck (130–139/85–89 mmHg).
Insgesamt unterschieden sich die untersuchten Arbeiter(innen) in der Hypertonieprävalenz nicht von der Allgemeinbevölkerung, jedoch wiesen andere Parameter eine deutlich höhere Prävalenz auf, wie Adipositas und Zigarettenrauchen (32).
Wie bereits erwähnt, ist das Blutdruckbewusstsein bei der älteren Bevölkerung eher gering ausgeprägt, ein Drittel der Hypertoniker wissen über ihre Hypertonie nicht Bescheid und nur 22 % haben eine kontrollierte Hypertonie (22).
In Deutschland werden derzeit 20 % der Bevölkerung so eingeschätzt, dass sie nicht über ihre Hypertonie informiert sind, 40 % wissen zwar, dass sie eine Hypertonie haben, sind jedoch nicht behandelt, und die Verbleibenden sind nur zur Hälfte kontrollierte Hypertoniker (8).
Drei repräsentative Untersuchungen in Westdeutschland (1984–1991) zeigten einen Anstieg des Anteils an Hypertonikern, die im letzten Jahr einen Arzt aufgesucht haben, von 87 % auf 92 % bei den Männern und von 94 % auf 96 % bei den Frauen. Die Hälfte der Hypertoniker, deren Blutdruck auch gemessen wurde (50 % Männer und 58 % Frauen), waren über ihre Hypertonie informiert, wobei sich dieser Anteil von 1984 bis 1991 nicht verändert hat.
16 % der männlichen Hypertoniker und 14 % der weiblichen Hypertoniker erhielten von ihrem Arzt die Empfehlung, mehr Bewegung zu machen, 21 % der Männer und 25 % der Frauen jene, weniger Salz zu verwenden, 35 % der männlichen Raucher und 31 % der Raucherinnen erhielten eine Empfehlung zur Rauchertherapie. Im Untersuchungszeitraum verbesserte sich die Beratungssituation im Lebensstilbereich nur für die Frauen, nicht für die männlichen Hypertoniker. Frauen wurden wesentlich häufiger medikamentös behandelt als Männer, nämlich über 50 %. Jedoch wurde bei Männern ein signifikanter Anstieg der medikamentösen Therapie berichtet (von 34 % auf 45 % zwischen 1984–1991) (33).
Hyman et al. analysierten Daten von NHANES III, um der Frage nach den Charakteristika von Patienten mit unkontrollierter Hypertonie nachzugehen. Das am geringste ausgeprägte Blutdruckbewusstsein war vor allem assoziiert mit männlichem Geschlecht, einem Alter von >= 65 Jahren, schwarzer Bevölkerung (non-Hispanic) und keinem Arztbesuch in den letzten 12 Monaten. Das Blutdruckbewusstsein war am geringsten bei der älteren Bevölkerung (>= 65 Jahre). Die Autoren kamen zum Schluss, dass in den USA die meisten unkontrollierten Hypertoniker in der älteren Bevölkerung anzutreffen sind, die eine isolierte milde systolische Hypertonie haben, die meisten von ihnen krankenversichert sind und relativ häufigen Arztkontakt haben (34).
Blutdruckbewusstsein wird stark geprägt von entsprechenden Kampagnen. In Österreich wurde vom Österreichischen Herzfonds 1978 eine Bluthochdruckkampagne durchgeführt. In den anschließenden 20 Jahren wurden fünf repräsentative Bevölkerungsbefragungen zum Blutdruckbewusstsein durchgeführt. Im Anschluss an die Bluthochdruckkampagnen stieg das Blutdruckbewusstsein der Österreicher(innen), jedoch wurde durch die Befragungen gezeigt, dass der Einfluss der Kampagne nur ein temporärer war, nach anfänglichem Anstieg sank der Anteil jener, die über ihren Blutdruck Bescheid wussten.
Frauen und Personen >= 50 Jahre hatten das am besten ausgeprägte Blutdruckbewusstsein.
In Bezug auf Maßnahmen gegen die Hypertonie wurde von 73 % der sich selbst als Hypertoniker bezeichnenden Personen eine medikamentöse Therapie angegeben, 20 % reduzierten ihren Salzkonsum und/oder versuchten Gewicht zu reduzieren und sich mehr zu bewegen. 10 % gaben an, dass sie keine Maßnahmen gegen ihre Hypertonie treffen. Die älteren Hypertoniker gaben vor allem eine medikamentöse Therapie an und wesentlich seltener Lebensstilmaßnahmen im Vergleich zu jüngeren Hypertonikern. Frauen betraf dieser Umstand ebenfalls besonders. In der Einschätzung der Bevölkerung haben Adipositas, Stress und Alkoholkonsum als Risikofaktoren für die Hypertonie das größte Gewicht. Zigarettenrauchen und wenig körperliche Bewegung erlangten im Survey 1998 signifikant geringere Bedeutung als Risikofaktoren als in den Jahren zuvor (18).
Die Häufigkeit der Blutdruckmessung ist ein wichtiger Parameter oder Indikator der Bluthochdruckkontrolle und des Blutdruckbewusstseins. In oben genannter Untersuchung war ein signifikanter Rückgang im Anteil jener, die eine Blutdruckmessung in den letzten drei Monaten vorweisen konnten. Der Anteil an der Bevölkerung, der nie eine Blutdruckmessung hatte, veränderte sich in den untersuchten 20 Jahren nicht.
Ein Drittel der Bevölkerung gab 1998 eine Blutdruckmessung in den letzten drei Monaten an, ein Viertel innerhalb des letzten Jahres, ein weiteres Viertel innerhalb der letzten drei Jahre. Frauen und ältere Personen wiesen die höchste Messfrequenz auf. Die Häufigkeit der regelmäßigen Blutdruck-Selbstmessung steigt mit dem Bildungsgrad und dem Alter, insgesamt messen 7 % der Bevölkerung ihren Blutdruck regelmäßig selbst (18).
Das Blutdruckbewusstsein von Ärzt(inn)en scheint sich nicht besonders stark vom Blutdruckbewusstsein der Allgemeinbevölkerung zu unterscheiden. Bei einer nicht repräsentativen Befragung von 500 Ärzt(inn)en erklärten 73 %, sie wären normoton, 21 % deklarierten sich als hyperton und 5 % konnten keine Angaben machen. 63 % der hypertonen Ärzte/Ärztinnen waren laut eigenen Angaben behandelt, 37 % unbehandelt (35).
Die Blutdruckstudie zeigte, dass bei den gemessenen hypertonen Arbeitern im Wiener Raum, in der Slowakei und in Ungarn jeweils 38 %, 20 % und 33 % von ihrer Hypertonie wussten (36).
Eine deutliche Diskrepanz zwischen Einschätzung der Bluthochdruckkontrolle durch den Arzt/die Ärztin bei ihren Patienten und der anschließenden Blutdruckmessung bei den jeweiligen Patienten zeigt eine Untersuchung in 290 österreichischen Arztpraxen, die über 5.000 Bluthochdruckpatienten inkludierte. Die Ärzte bezeichneten 53 % ihrer Patienten als "ideal eingestellt" und 16 % als "schlecht eingestellt". Bei der Messung erreichten jedoch nur 10 % Blutdruckwerte von 135/85 mmHg oder darunter beziehungsweise 16 % von 140/90 mmHg oder darunter (36).
Hodgson et al. (37), Center of Disease Control and Prevention, bezifferten die Ausgaben für die Hypertonie (direkt und indirekt) im US-Gesundheitswesen auf $ 108,8 Milliarden, 12,6 % davon entfielen direkt auf Diagnosen: Hypertonie $ 22,8 Milliarden, Herz-Kreislauf-Komplikationen $ 29,7 Milliarden, $ 56,5 Milliarden auf andere Krankheiten.
Die Kosten der Hypertonie steigen in der Regel mit dem Alter der Patienten und dem Ausmaß der Co-Morbidität. Es kommt in dieser Altersgruppe auch häufig zu sehr kostenintensiven Ereignissen (z. B. Schlaganfall).
In der genannten Untersuchung betrugen die Ausgaben für Personen jünger als 65 Jahre pro Kopf $ 249,– und steigen auf $ 3.007,– für 85-Jährige und ältere. Die durchschnittlichen Kosten pro hypertensivem Krankheitsbild betrugen $ 3.787,–. Die Ausgaben waren für Frauen in der Regel höher (37).
Insgesamt zählt die Hypertonie zu jenen 5 chronischen Krankheiten (psychische Erkrankungen, Diabetes, Herzerkrankungen, Asthma), auf welche die Hälfte der Ausgaben im Gesundheitswesen entfällt. Ein Viertel davon entfallen auf die Kosten der Behandlung der Krankheit selber und der Rest auf die koexistierenden Krankheiten (38).
Einen bedeutenden Anteil an der Höhe der Behandlungskosten haben in der Praxis eine geringe Compliancerate, Absetzen der Therapie und Wechsel zu einem anderen Medikament sowie inadäquate Blutdruckkontrollen (39).
Ein Einfluss auf die Kosten besteht auch, wenn die Diagnose Hypertonie relativ spät gestellt wird oder wenn über einen zu langen Zeitraum ausschließlich Lebensstiländerung ohne Effekt praktiziert wird und wenn bei der medikamentösen Therapie die Zielwerte nicht erreicht werden (40).
Hansen et al. (2002) haben für fünf europäische Länder (Italien, Frankreich, Deutschland, Schweden, UK) berechnet, wie hoch die Einsparungen im Gesundheitswesen wären, wenn bei der Hypertonietherapie konsequent die Zielwerte erreicht werden würden. Sie schätzen, dass 29 Millionen Erwachsenen (13 % der Bevölkerungen) mit Blutdruckwerten über 160/90 mmHg und 46 Millionen mit Blutdruckwerten zwischen 140/90 und 160/95 mmHg (21 %) in diesen Ländern leben. Wenn die Zielwerte bei diesen Personen durch adäquate Therapie erreicht werden könnten, würde man sich 1,26 Milliarden Euro an Kosten im Gesundheitswesen sparen (41).
Die schlecht eingestellte Hypertonie verursacht nicht nur mehr Kosten durch höhere Medikamentenausgaben, sondern auch durch häufigere Arztbesuche. Die Medikamentenkosten und die Zahl der Arztbesuche steigen mit dem Blutdrucklevel. Es findet sich eine durchschnittliche Anzahl von 9,7 Arztbesuchen bei einem mittleren systolischen Blutdruck (SBP) von 180 mmHg oder darüber im Vergleich zu 4,1 Arztbesuchen bei Patienten mit SBP von 120 mmHg oder darunter (42).
Im MONICA-Projekt (Halifax County) ging man der Frage nach, ob sich zwischen 1985 und 1995 eine Änderung in der Bluthochdruckkontrolle ergab und ob es zu entsprechenden Auswirkungen auf die Kosten gekommen ist. Der Anteil jener mit unkontrollierter Hypertonie ist in diesem Zeitraum angestiegen (Männer: 32,6 % auf 57,4 %; Frauen: 38,0 % auf 42,6 %),.es kam auch zu einem Anstieg in der Verschreibung von Kalziumkanalblockern und ACE-Hemmern, Kombinationstherapien und Diuretika sind zurückgegangen. Die Kosten pro Tag/Patient sind von $ 0,48 auf $ 0,85 angestiegen. Somit ist es zwar zu einem Anstieg in den Kosten durch einen vermehrten Wechsel zu neuen Antihypertensiva gekommen, jedoch auch zu einem Anstieg der nicht kontrollierten Hypertoniker, welches ein großes Public-Health-Problem darstellt (43).
Nach Daten des italienischen Pandora-Projektes, welches seit 1997 bei Allgemeinmedizinern durchgeführt wird, beträgt der Anteil der Medikamentenkosten an den Behandlungskosten 46 % (44). Die täglichen Kosten für die Behandlung eines männlichen Hypertonikers mittleren Alters waren 0,65 Euro in einer französischen Studie (46).
Insgesamt geschlechtsspezifisch gesehen sind die Ausgaben für Frauen höher im Bereich der Behandlung der Hypertonie, im Bereich der Behandlung kardiovaskulärer Komplikationen (z. B. Bypass-Operationen) sind die Ausgaben für Männer höher.
In Österreich führen kardiovaskulär wirksame Pharmaka und Antihypertensiva die Liste der Verordnungen und auch der Kosten für das Gesundheitswesen an. Im Jahr 2001 wurden in Österreich 6.927.000 solche Verordnungen registriert, mit Gesamtkosten von 122.034.000 Euro. Gefäßtherapeutische Medikamente sind an die 2. Position gereiht mit 4.801.000 Verordnungen und Kosten von 90.402.000 Euro (47).
Die Prävention und Therapie des Bluthochdrucks bedeuten eine wesentliche Herausforderung im klinischen Bereich und im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens.
Es gibt diesbezügliche Zielvorstellungen, die unter anderem auch bereits im "Sixth Report of the Joint National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure" formuliert wurden (48):
- Prävention der Hypertonie im Alter (48) ebenso wie die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei der Hypertonieprävalenz in Klinik und Forschung und Präventionsprogrammen
- einen weiteren Rückgang der Prävalenz der Hypertonie zu erreichen
- eine Erhöhung der Entdeckungsrate von Hypertonikern und Verstärkung des Blutdruckbewusstseins
- eine Verbesserung der Kontrolle der Hypertonie und Erreichen der Zielwerte
- Reduktion der Prävalenz zusätzlicher Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen zur Senkung des Risikos
- Schärfung des Bewusstseins für die isolierte systolische Hypertonie und des damit verbundenen Risikos
- Verstärken des Risikobewusstseins für hochnormalen Blutdruck
- Reduktion der sozialen und ethnischen Unterschiede in der Hypertonieprävalenz
- Förderung von flächendeckenden Bluthochdruckprogrammen
- Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten (48)
- Unterstützung von regionalen Präventionsprogrammen und Hypertoniekampagnen durch Information der Patient(inn)en und Blutdruckaktionen in der Praxis
- Lebensstilanamnese und Lebensstilberatung im Rahmen der Hypertonietherapie und Evaluierung des Erfolgs
- Lebensstilanamnese, Motivation und Beratung der normotensiven Nichthypertoniker, vor allem auch mittleren Alters, bezüglich Lebensstilmaßnahmen zur Prävention der Hypertonie
- Für das Gesundheitswesen wirken sich kostensenkend aus: z. B. optimale Compliance, konsequente medikamentöse Therapie (weder Absetzen noch mehrmaliger Wechsel der Medikamente), regelmäßige, konsequente Blutdruckkontrollen, effiziente Lebensstiländerung, Erreichen der Zielwerte
- Beachten von geschlechtsspezifischen, altersspezifischen, ethnischen und sozialen Unterschieden im Risiko für die Entwicklung einer Hypertonie und in der Behandlung von Hypertoniepatient(inn)en
Rieder, A., Die arterielle Hypertonie aus Sicht der Sozialmedizin, in: Eber B. (Hrsg.). Hypertonie interdisziplinär. Ein Kompendium für die Praxis. München: Hans Marseille Verlag, 2003. S. 9-20.